- Die Niederlande könnten vor der radikalsten Steuer-Entscheidung stehen, die ein EU-Staat seit Jahrzehnten inkraft gesetzt hat.
- Ab 2028 könnte eine Steuer von 36 Prozent auf nicht realisierte Gewinne aus liquiden Vermögenswerten erhoben werden.
Betroffen sind Kryptowährungen, Aktien und Anleihen. Das bisherige System fiktiver Renditen, das der Oberste Gerichtshof 2021 als verfassungswidrig eingestuft hatte, würde dadurch de facto abgeschafft.
Das neue Gesetz soll nach Regierungsdarstellung eine gerechtere Besteuerung realer Kapitalerträge erreichen und das Steuersystem modernisieren.
Besteuerung von imaginärem Gewinn
Es würden Buchgewinne besteuert, die sich noch nicht realisiert haben. Kritiker warnen vor erheblichen Liquiditätsproblemen, da Steuerpflichtige künftig Abgaben auf Gewinne zahlen müssten, die nur auf dem Papier existieren.
Bei volatilen Vermögenswerten wie Bitcoin könnte es zu erzwungenen Verkäufen kommen, wenn Anleger die Steuerlast nicht aus liquiden Mitteln decken können.
Zudem berücksichtige das Gesetz die Inflation nicht, was zu einer faktischen Substanzbesteuerung führe. Branchenverbände und Ökonomen sprechen von einem „systemischen Risiko“ für langfristige private Vermögensbildung.

Langzeitanleger sind alarmiert
Die niederländische Krypto‑Community reagiert mit Unverständnis. Da digitale Assets starken Kursschwankungen unterliegen, können Anleger in Situationen geraten, in denen sie Steuern auf Gewinne zahlen müssten, die sich danach wieder verflüchtigen.
Experten verweisen auf historische Bitcoin‑Korrekturen von 30 bis 50 Prozent innerhalb weniger Wochen. Die geplante jährliche Neubewertung zum Stichtag verschärft dieses Risiko zusätzlich.
Für Langzeitanleger, die ihre Krypto-Assets nicht verkaufen, entsteht damit ein strukturelles Liquiditätsproblem, das es in dieser Form in keinem anderen EU‑Land gibt.
Finale Entscheidung steht aus
Ob das Gesetz tatsächlich in Kraft tritt, entscheidet nun der Senat des Parlaments. Beobachter rechnen zwar mit dessen Zustimmung, doch mehrere politische Parteien haben bereits signalisiert, zum klassischen Kapitalertragsmodell zurückkehren zu wollen, bei dem Gewinne erst bei Verkauf des die Steuer generierenden Assets besteuert werden.
Das würde allerdings neue parlamentarische Mehrheiten erfordern.
Sollte die Reform unverändert umgesetzt werden, würden die Niederlande wahrscheinlich zum unattraktivsten Standort für private Kapitalanlagen in Europa werden.
Steuerberater berichten bereits von wachsender Nachfrage nach Beratungen zur Auswanderung und Vermögensverlagerung ins Ausland.
Falls es tatsächlich eine Kapitalflucht geben sollte, könnte der Staat am Ende weniger Steuern einnehmen, als mit der aktuellen Regelung der Steuerpflicht.

