- Die Europäische Wertpapieraufsicht ESMA in Paris hat zwei zentrale technische Standard-Kataloge zur Umsetzung der EU‑MiCA-Regelungen überraschend in die Beratungsgremien zurückverwiesen. Damit ist die MiCAR-Umsetzung 2026 vorerst geplatzt.
- Sie verzögert sich möglicherweise um ein Jahr oder länger. Das Projekt, das die EU zur globalen Avantgarde der Kryptoregulierung machen sollte, ist damit erst einmal zur Lachnummer geworden – und die Folgen treffen den deutschen Markt besonders hart.
Die BaFin ist auf technisch ausformulierte Standards angewiesen, um MiCAR‑Lizenzanträge abschließend zu prüfen. Ohne diese Vorgaben fehlen verbindliche Regeln für die Prävention von Marktmissbrauch und zur Auslegung von STOR‑Meldungen, IT‑Sicherheitsanforderungen, Governance‑Strukturen und Outsourcing‑Modellen.
Die Behörde kann zwar Übergangsregime verlängern, aber keine vollständige Harmonisierung garantieren. Deutschland befindet sich damit in einem regulatorischen Schwebezustand, in dem die MiCAR zwar gelten, aber die detaillierten Ausführungsbestimmungen fehlen.
Für Banken bedeutet die Verzögerung eine unmittelbare operative Belastung. Institute wie die DZ Bank, die Deka Bank, die Commerzbank und die Sparkassen‑Finanzgruppe hatten ihre MiCAR‑Produkte für 2025 und 2026 geplant. Diese Zeitpläne basierten auf der Annahme, dass die Pariser ESMA die technischen Standards rechtzeitig liefert – eigentlich eine Selbstverständlichkeit nach Jahren der Planung.
Offenbar nicht für die EU-Behörde. Nun müssen Risikoanalysen neu bewertet, Compliance‑Architekturen angepasst und Outsourcing‑Verträge überarbeitet werden. Produktstarts verschieben sich, Ressourcen werden gebunden, und die Kosten steigen.
Auch deutsche Krypto‑Dienstleister geraten unter Druck. Anbieter wie BSDEX, Coinbase Germany und Bitvavo DE müssen jetzt Übergangsregeln erfüllen und gleichzeitig auf die finalen Bestimmungen warten. Das führt zu einer hohen Kostenbelastung und erschwert die Planung neuer Produkte. Während internationale Wettbewerber in klaren Regimen arbeiten, müssen EU Anbieter in Unsicherheit leben.
Desaster nach Jahren der Vorbereitung
Die Verzögerung ist grotesk. MiCAR wurde jahrelang vorbereitet, politisch gefeiert und als globales Vorbild präsentiert. MiCAR hatte den Anspruch, das erste umfassende Krypto‑Regelwerk der Welt zus ein.
Die Verordnung muss gleichzeitig mit der Marktmissbrauchsverordnung, der Anti‑Geldwäsche‑Regulierung, nationalen IT‑Sicherheitsgesetzen, bestehenden Wertpapierregeln, Stablecoin‑Regeln und dem EU‑Datenschutzrecht kompatibel sein.
Diese Anforderungen hat die ESMA wohl unterschätzt. Die technischen Standards sind nicht bloß Detailregeln, sondern der eigentliche Kern der praktischen Umsetzung. Jede Unschärfe hätte unmittelbare Auswirkungen auf Banken, Börsen und Verwahrer, ganz abgesehen von all den Gerichtsverfahren, mit denen die Justiz – ohnehin überlastet – zusätzlich überhäuft worden wäre.

Hinzu kommt die massive Kritik aus der Branche. In den Konsultationen meldeten sich Banken, Verwahrer, Börsen, FinTechs und internationale Verbände. Die Rückmeldungen waren ungewöhnlich deutlich. Viele Anforderungen seien technisch kaum umsetzbar, die Kosten unverhältnismäßig, Definitionen unklar und Meldepflichten widersprüchlich.
Auch die geplanten Überwachungssysteme wurden als unrealistisch komplex kritisiert. Die ESMA stand vor der Wahl, ein fehleranfälliges Regelwerk durchzuziehen oder die Standards neu aufzusetzen. Die Behörde entschied sich für den sichereren, aber langsameren Weg.
Eine weitere Rolle spielt die politische Dynamik. Nach den Skandalen um FTX, Celsius und Terra ist die Erwartungshaltung enorm. Die EU‑Kommission verlangt maximale Rechtssicherheit, robuste Marktmissbrauchs‑Überwachung und klare Haftungsregeln. In diesem Klima will niemand einen zweiten Wirecard‑Skandal riskieren. Die Folge ist eine übervorsichtige Regulierungskultur, die eine zeitnahe Bearbeitung opfert, um Fehler zu vermeiden.
Erschwerend kommt hinzu, dass nationale Aufseher unterschiedliche Traditionen und Risikokulturen haben. Die BaFin, die österreichische FMA, die französische AMF und die italienische CONSOB verfolgen teils gegensätzliche Ansätze bei IT‑Sicherheit, Outsourcing, Marktmissbrauchs‑Definitionen und Liquiditätsanforderungen. Die Pariser ESMA muss diese Unterschiede harmonisieren, was den Prozess zusätzlich verlangsamt.
Schließlich ist die technische Realität der Branche heterogener, als es die EU‑Parlamentarier erwartet hatten. Während einige Anbieter mit hochmodernen MPC‑Systemen, HSM‑Clustern und institutionellen Custody‑Stacks arbeiten, nutzen andere einfache Hot‑Wallet‑Infrastrukturen oder Cloud‑Wallets. Ein einheitlicher Standard, den alle befolgen könnten, ist schwer zu definieren, ohne große Teile der Branche zu überfordern.
EU-Prestigeprojekt vorerst gescheitert
MiCAR sollte die EU zum globalen Vorreiter machen. Stattdessen stehen die Beteilgten, besonders aber die Kryptobranche, nun vor einem Regel-Chaos, das Banken ausbremst, Krypto-Asset-Dienstleister belastet, nationale Aufseher verunsichert und internationale Wettbewerber stärkt.
Man fragt sich, wo all die Experten, die da mitgemischt haben, so viel Unfähigkeit hernehmen.

