- Eine in der gestrigen Brüsseler Bloomberg‑Ausgabe erschienene Analyse von Europas Haltung zu den USA lässt sich am besten als orientierungslos beschreiben. Das Weiße Haus trifft brachiale Entscheidungen, die den inneren und äußeren Frieden der USA gefährden.
- Derweil suchen die Verantwortlichen in der EU nach Wegen, wie man die Abhängigkeit von einem Ex-Partner löst, der in nur einem Jahr von Dr. Jekyll zu Mr. Hyde mutiert ist – und es wohl auch bleiben wird.
Europa: Anspruch und Realität
Bloomberg beschreibt, wie europäische Spitzenpolitiker zunehmend offen aussprechen, dass die USA unter Trump kein verlässlicher Partner mehr sind. Der Streit um Grönland, die Drohungen mit neuen Strafzöllen und die wiederholte Missachtung multilateraler Regeln haben das deutlich gemacht.
Spaniens Premierminister Pedro Sánchez wird mit der Einschätzung zitiert, die USA respektierten internationales Recht nicht mehr und provozierten Spannungen wie nie zuvor.
Gleichzeitig zeigt Bloomberg, wie schwer es Europa fällt, aus dieser Diagnose konkrete politische Konsequenzen abzuleiten. Die EU ist wirtschaftlich eng mit den USA verflochten, von Investitionsströmen über Finanzmärkte bis hin zu Lieferketten.
Ein abrupter Bruch wäre für beide Seiten schmerzhaft, für Europa aber besonders riskant. Auch sicherheitspolitisch bleibt die Abhängigkeit groß: Die NATO‑Strukturen, die nukleare Abschreckung und die Geheimdienst-Kooperation sind ohne Washington kaum zu ersetzen.

Grenzen der Europäischen Autonomie
Bloomberg betont, dass Europas Wunsch nach „größerer Eigenständigkeit“ an harten Realitäten scheitert. Die technologische Dominanz der USA – von Cloud‑Infrastruktur über Halbleiter bis zur Software – lässt der EU wenig Spielraum. Zwar gibt es Initiativen wie GAIA‑X und die Debatte über eine Europäische Chip‑Strategie, doch die sind langfristig angelegt und können die aktuelle Abhängigkeit nicht kompensieren.
Hinzu kommt die politische Fragmentierung der EU. Während Frankreich seit Jahren für eine robustere Europäische Verteidigungsarchitektur wirbt – vorzugsweise unter französischer Führung – setzen osteuropäische Staaten weiterhin klar auf die USA als Sicherheitsgarant. Diese Divergenzen erschweren eine gemeinsame Linie und machen es Washington leicht, europäische Positionen gegeneinander auszuspielen.
Geopolitische Wende ohne Richtung
Bloomberg kommt zu dem Schluss, dass Europa zwar erkannt hat, wie verletzlich seine Position ist, aber noch keinen Weg gefunden hat, diese Schwäche zu überwinden. Die Entfremdung von den USA ist real, doch eine echte Abkoppelung ist illusorisch. Stattdessen herrsche Wunschdenken vor.
Man will die eigene strategische Autonomie, ohne die transatlantische Partnerschaft zu gefährden. Das ist ein Balanceakt, der mit Trump als „Partner“ nicht gelingen dürfte, einmal abgesehen davon, dass die transatlantische Partnerschaft längst in Gefahr ist.
Für die europäische Politik bedeutet es, dass alte Gewissheiten nicht mehr gelten und neue Strukturen erst entstehen müssen. Bloomberg zeichnet damit das Bild eines Kontinents, der sich neu erfinden muss, aber dessen Protagonisten dazu die Kunst der Quadratur des Kreises erlernen müssten.

